Christian Wulff, der Etappenhase

19. Februar 2012
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Für die Karnevalisten ist die Affäre um Christian Wulff vor allem eines: ein großer Spaß. Sie haben Wulff-Skulpturen in Arbeit, die dem Original nicht schmecken dürften. Dabei sind die Karnevalisten vorsichtiger geworden – beleidigten Politikern sei Dank.

Christian Wulffs linkes Auge ist blutunterlaufen, über der rechten Braue klebt ein Pflaster, der Anzug ist zerfetzt. Wulff hängt in der Ecke eines Boxrings, Arme und Beine von sich gestreckt. Es ist kein würdiger Auftritt, den die Mainzer Wulff im Rosenmontagszug bieten.
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In seinen guten Momenten zeigt der Karneval Politikern, wovor sie selbst am liebsten die Augen verschließen. Er hält ihnen vor, wie sie von außen gesehen werden. Manchmal nimmt er sogar satirisch das vorweg, was kurze Zeit später Realität wird. Im vergangenen Jahr fuhr Guido Westerwelleals Nervensäge durch Düsseldorf. Wenige Wochen später musste er sein Amt als Parteivorsitzender aufgeben.
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So weit ist es bei Christian Wulff noch nicht. Die Mainzer kreiden ihm besonders an, dass er sich moralisch auf eine höhere Stufe stellt und anderen gegenüber Ansprüche erhebt, an denen er dann selbst scheitert. “Die Affäre schadet ihm als Menschen am meisten und nicht seinem Amt”, sagt der Zugleiter Kay-Uwe Schreiber und blickt nachdenklich auf die überlebensgroße Wulff-Skulptur in der Wagenbauhalle.

Blut ist noch nicht geflossen, doch das Beil hält der Metzger schon bereit. Auf der Schlachtbank: der Christian Wulff. Die Deutschen sind sich uneinig darüber, ob Wulff in der Affäre allein der Täter, oder nicht längst auch ein Opfer der Medien geworden ist. Für die Kölner Karnevalisten gehört beides zusammen.

“Die Kölner betreten mit ihrer Idee nicht einmal das Spielfeld”

In Anlehnung an das Theaterstück “Etappenhase” haben sie ihn in ein Hasenkostüm gesteckt. In seiner anderen Hand hält der Metzger ein Handy. “Wulff bietet seinen Kritikern deshalb so viel Angriffsfläche, weil er nur stückweise zugibt, was längst bekannt ist. Damit hat er sich selbst zur Schlachtbank geführt,” erklärt der Karnevalist Thomas Willmann, der den Wagen entworfen hat. Das gleichnamige Theaterstück geht für den Etappenhasen nicht gut aus. Ihm wird am Ende das Fell über die Ohren gezogen.

Die Feindschaft zwischen Köln und Düsseldorf ist so alt wie der Karneval selbst. Den Kölner Entwurf findet der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly daher viel zu bieder: “Wir würden gerne mit den Kölnern um das beste Motiv in Wettstreit treten, aber sie betreten mit ihrer Idee nicht einmal das Spielfeld.”

Der Düsseldorfer Rosenmontagszug gilt vielen als der scharfzüngigste und politischste im Rheinland. Wagenbauer Jacques Tilly nimmt den Vorwurf als Kompliment: “Anstand ist, wenn man weiß, wie weit man zu weit gehen darf,” sagt er. Die Kölner Karnevalisten sehen ihren Auftrag auch politisch, definieren ihn aber anders: “Wir legen gerne den Finger in die Wunde, aber wir müssen ihn nicht auch noch umdrehen”, erklärt Sigrid Krebs vom Festkomitee Kölner Karneval.

Helmut Kohl und der umgefallene Blumentopf

Ein bisschen mehr Ehrfurcht würden sich wohl viele Politiker vom rheinischen Karneval wünschen, wenn sie unfreiwillig für einen Mottowagen Pate stehen müssen. Als Helmut Kohl vor Jahren erfuhr, dass Tilly ihn als Pappfigur nur mit einem sehr kurzen Baströckchen bekleidet durch die Düsseldorfer Altstadt rollen lassen wollte, drohte sein Anwalt mit einer einstweiligen Verfügung. Die Karnevalisten platzierten an entscheidender Stelle einen Blumentopf, der während des Umzugs – ganz aus Versehen – umfiel. Kohls Anwalt gab auf.

Die Klageandrohungen und Beschwerden der letzten Jahre sind der Grund, warum Jacques Tillys Wagen mittlerweile erst am Rosenmontag in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Und vielleicht sind sie auch der Grund dafür, dass seine Wagen päpstlichen Beistand genießen. Überlebensgroß hängt der Kopf von Benedikt XVI.an der Wand der Düsseldorfer Wagenbauhalle. Unter seiner Aufsicht entstehen die Mottowagen.Satire ist für Jacques Tilly oberstes Gebot im Karneval. Er will niemanden bevorzugen, indem er ihn verschont. Schon gar nicht Wulff, zu dem er eine dezidierte Meinung hat: “Wulff ist langweiliger als ein Glas Wasser, er war von Anfang an der falsche Präsident.”

Inzwischen haben die Ereignisse die Wagenbauer überholt: Wulff ist am Freitag zurückgetreten.

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